Berlin bedtime
Wer einmal Nacht lebt, will noch mehr.
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Digitale Ausgabe des proud-Archivs mit Geschichten über Musik, Stadt, Nachtleben, Stil und Berlin.
„Jungs, heute will ich richtig feiern gehen!“, posaunten meine angetrunkenen Stimmbänder. Nach viel Alkohol und Kartenspielen rafften wir uns aus dem Haus auf und gingen auf die Straße. Es ist still, da es nach Mitternacht ist. „Und wohin nun?“, fragt der schwankende Australier. „Ich habe Hunger!“, hustet der Engländer dazwischen, der am meisten von allen säuft. „Das kann man vergessen. Genauso wie eine musikalisch anspruchsvolle Feiernacht mitten in der Woche! Höchstens eine Bar“, sage ich verzweifelt, denn ich stelle eines fest: ich bin nicht in Berlin. Also geht die Nacht in einer Bar mit schlechter Pop-Musik zu Ende. Prompt habe ich Heimweh in Asien und merke, wie verwöhnt ich bin.
Berlin… welch einzigartiges Terrain Du doch bist! Für alle, die es noch nicht gemerkt haben, wir leben in einer tollen Stadt! Ist Euch mal aufgefallen, wie billig es hier im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten ist? Wir können uns blöd konsumieren, kreativ ausleben und krass austoben! Zum Beispiel habe ich es vermisst, bunte Wände zu lesen und mit Freunden zu Techno zu tanzen… andere vielleicht die Mauer. Ich will einfach nur loswerden, dass es mir während meiner Reise noch bewusster geworden ist, wie frei man hier sein kann. Fast grenzenlose Möglichkeiten und wir sollten dies schätzen, denn wenn wir nicht aufpassen, geht in unserem Sumpf einiges schief. Die Stadt verändert sich immer mehr durch ihren Verkauf, weil die auch merken, wie geil und profitabel Berlin ist! Ich bin kein schwarzer Maskenträger mit geballter Faust, aber wir sollten einfach ab und zu aus unserem Exzess und Überschuss aufwachen und verhindern, dass wir wie jede andere Stadt werden. Wir sind verwöhnt. Ich liebe es!
Hip Hop ist sowas von tot. Zehn Zeilen um die Veterane der Nineties zu würdigen.
Text Tim
Im Gegensatz zur Clubkultur sieht es auf der Berliner Radiolandschaft, dem am härtesten umkämpften Radiomarkt Europas, für Liebhaber der elektronischen Musik recht düster aus. Zwar bietet die Bar25 einen Internetstream mit Aufzeichnungen und Liveübertragungen aus der Ranch an, doch wurde die Institution für elektronische Musik im Berliner Radio, Marushas Rave Satellite, schon im August 2007 abgesetzt.
Da hat Russland mehr zu bieten. Seit 2002 bietet Moskaus Deepmix einen Internetstream mit ausgewählten DJ- und Livesets größtenteils russischer Künstler an. 24/7 gab es Deep- und Techhouse, Minimal-Techno und Electronica auf die Ohren. Kostenlos, weltweit. Leider beschränkt sich Deepmix heute fast ausschließlich auf Deephouse.
Der aus Radio Tochka hervorgegangene Web-Sender RTS.FM konzentriert sich auf die Genres, die Deepmix so bekannt und beliebt gemacht haben. Der Newcomer bietet aber keinen konventionellen Audiostream, sondern zeigt fast täglich Live-Videostreams aus dem Moskauer Studio oder aus befreundeten Clubs. Neben den vielen russischen Resident-DJs wie Amesh, bvoice oder Anrilov, die sich auch hierzulande durch Deepmix in der Szene einen Namen machen konnten, zeigen auch international bekannte Größen wie Minilogue, John Tejada oder Radioslave ihr Können. Dass sich die Künstler in einer kurzen Videobotschaft und auf eigenen Profilseiten mit Biografie und Fotos vorstellen dürfen, ist ein echt nettes Sahnebonbon. Die Aufzeichnungen der Shows können sich registrierte User auf der gänzlich in Flash gestalteten Webseite jederzeit anschauen. Jedoch ist zur Registrierung eine Einladung nötig, die wiederum mit einer freundlichen Email zu bekommen ist.
Text Lotema